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Pommern 1945 - Karl-Heinz Radde: Ich war erst zehn Besucherzähler seit 9.06.2008
Ein Beitrag aus dem Band 15 der Zeitzeugenbuchreihe von Jürgen Ruszkowski: Wir zahlten für Hitlers Hybris  mit Zeitzeugenberichten aus 1945 über Bombenkrieg, Flucht, Vertreibung, Zwangsarbeit und Gefangenschaft. Band 15: Bestellungen „Wir zahlten für Hitlers Hybis - Zeitzeugen um 1945“
Ich war erst zehn – Erlebnisse in Ostpommern ab März 1945 Ein Augenzeugenbericht von Karl-Heinz Radde http://members.tripod.com/radde1/
Aufgezeichnet in Dresden im Januar 1995, im Januar 1999 und in Görlitz, Niederschlesien 2003 Der Russe steht schon vor Rummelsburg [1] Es ist Freitag, der 2. März 1945. Von frühmorgens an hocken wir dichtgedrängt in einem notdürftig mit Balken und Brettern abgedecktem Erdloch, das wir Bunker nennen, und erleben den schwersten Fliegerangriff. Schon seit zwei Wochen kommen die russischen Flieger, meist aber in kleinen Pulks und für kurze Zeit, und sie fliegen hoch über unser Einzelgehöft am Waldrand hinweg. Ihr Ziel ist vor allem die Kreisstadt Bütow, der Bahnhof in Großtuchen und das Dorf Zemmen. In Bütow soll es vor zehn Tagen ganz furchtbar gewesen sein. Aber Genaues wissen wir nicht. Es kommt niemand mehr bis zum Dorf durch. Wir sind auf unserem Abbau total abgeschnitten. Jetzt aber ist der ganze Himmel von Flugzeugen bedeckt; sie scheinen speziell unser großes Bauerngehöft im Dreieck Großtuchen-Zemmen-Franzwalde anzufliegen. Die Bombeneinschläge kommen immer näher. Wir glauben schon, dass es sich um Granaten der Feldartillerie handeln könnte und die Front da ist. Gegen Mittag ist die Hölle los. Es kracht und explodiert ununterbrochen ganz in der Nähe. Dazwischen schmettern Bordwaffen MG-Salven auf uns hernieder. Sand und Erdreich spritzt auf und rieselt in den Bunker. Alles schreit durcheinander. Warka, unsere ukrainische Ostarbeiterin, bekommt einen Schreikrampf. Sie hat furchtbare Angst zu sterben. Mutti versucht sie und meinen kleinen Bruder gleichzeitig zu beruhigen, der wie am Spieß brüllt. Unsere Oma betet. Ich fluche, weil mir dauernd von draußen Sand ins Gesicht spritzt. Ich sitze am Bunkereingang und kann den Garten beobachten. Dann gibt es eine fürchterliche Detonation. Ich sehe, wie die Soldaten, die im Haus einquartiert sind, herausstürzen und sich mit umgehängtem Tarnzeug im Garten hinwerfen. Eine riesige schwarze Rauchwolke verhüllt alles. Ich rufe, dass unser Wohnhaus brennt, und alle schreien auf. Aber meine Meldung ist verfrüht. Die Rauchwolke verzieht sich wieder, das Haus steht noch, nur die Fensterscheiben sind zerborsten. Warum schießt die Flak nicht? Seit Monaten haben wir in Großtuchen zwei große Flakstellungen mit modernen Vierlingsgeschützen, eine auf dem Hügel des Grundstückes von Gustav Kramp an der Straße nach Neuhütten und die andere am Abbau bei Knitter an der Straße nach Bütow. Aber nichts rührt sich, die Geschütze schweigen. Vor Abend laufe ich das Gehöft ab, um die Schäden festzustellen. Ich zähle genau 205 Bombeneinschläge um unseren Bauernhof herum. Ein großer Teil davon sind Blindgänger. Nur vier Bomben haben Stall und Scheune getroffen und das Dach über dem Pferdestall aufgerissen. Es sind alles kleinere Splitterbomben, die keinen großen Schaden anrichten. Gebrannt hat es Gott sei Dank nicht. Zwei höhere SS-Offiziere erscheinen und wollen wissen, wo wir uns bei den Fliegerangriffen aufhalten. Sie lassen sich nicht abweisen und verlangen, unseren „Bunker“ zu sehen. Ich muss sie hinführen. Auf halbem Weg ist plötzlich schweres Artilleriefeuer aus Richtung Rummelsburg zu hören. Die SS-Leute bleiben stehen und horchen auf. „Unsere Arie?“ fragt der eine. „Na endlich! ...Glaubst du, sie halten die Front?“ Der andere schüttelt den Kopf. „Nein. Es ist zu spät. Der Krieg ist verloren!“ Ich bin entsetzt, dass Soldaten - noch dazu SS-Leute - so reden. Als gäbe es den Pommernwall überhaupt nicht! Wozu dann noch weiter kämpfen oder auf den Treck gehen? Warum musste mein Vater und über 50 Männer aus Großtuchen und den umliegenden Dörfern noch vor Wochen zum Volkssturm einrücken? Wir wollen von den SS-Männern wissen, was jetzt wird und wie wir uns verhalten sollen. Sie sagen uns erstaunlich offen, dass es nicht vorgesehen ist, hier länger zu kämpfen und sprechen nur von einem hinhaltenden Gefecht, das man höchstens einen Tag lang führen würde, und das auch nur, weil sich die Gegend mit den Wäldern, Hügeln und Seen hervorragend zur Verteidigung eignet. Ansonsten würde man sich auf Danzig zu zurückziehen. Uns raten sie, dennoch auf die Flucht zu gehen, aber höchstens 50 km weit. Wir sind beruhigt. Bedeutet das doch, dass unsere Gehöfte in Flammen aufgehen werden, wenn hier tage- oder sogar wochenlang mit Panzern, Flugzeugen und schwerer Artillerie gekämpft werden sollte. Und dass alles heil bleibt, scheint uns wichtiger als alles andere. Am nächsten Tag geht es am frühen Morgen wieder in den Bunker. Aber am Mittag schießt unsere Flak aus Großtuchen, die russischen Flieger drehen plötzlich ab, bald danach erscheint ein einzelner deutscher Jäger am Himmel, der sie verfolgt. Wir haben endlich Ruhe. Unser Ostarbeiter mit dem für uns unaussprechlichen Namen Wladislaw Dzierdzierdjewski, weswegen wir ihn einfach Lady nennen, ein Weißruthene aus der Gegend von Minsk, der schon seit 1941 bei uns ist und inzwischen zur Familie gehört, versucht täglich, die Verbindung zu den Nachbarn zu halten. Manchmal kommt er stundenlang nicht durch. Jetzt bringt er die Hiobsbotschaft vom Dorf mit: Wir müssen sofort los! Großtuchen ist schon vom Militär übernommen und muss bis 21.00 Uhr geräumt sein. Gegen Abend setzt Schneetreiben ein. Wir atmen auf und begeben uns im Schutz des Unwetters auf den großen Treck. Seit Wochen steht unser Treckwagen schon abfahrbereit in der Scheune. Es ist ein großer ausgezogener Erntewagen, mit einem leichten Dach aus Teerpappe überdeckt und mit fester Plane bespannt. Die Pferde ziehen ihn mühelos den kleinen Berg hinauf. Kurz vor dem Weg nach Pyaschen bleiben sie plötzlich stehen. Wir wissen nicht warum. Ein flacher Trichter von einem Bombeneinschlag vor ihren Füßen scheint das Hindernis zu sein. Lady greift zur Peitsche, aber die Pferde bäumen sich auf, wiehern ängstlich, schnaufen schwer und gehen keinen Schritt weiter. Immer wieder knallt die Peitsche. Dann beauftragt unsere Oma mich, zu Nachbar Pelz, dem nächsten Abbau, zu laufen, so schnell ich kann und ihn zu bitten, seine Pferde vorzuspannen. Wahrscheinlich sind unsere Pferde nur durch die Bombenexplosionen über dem Pferdestall verängstigt. Ich renne los und bin froh, nach der Zwangshaltung den ganzen Tag im Bunker wieder etwas Bewegung zu haben. Auf dem Hof von Nachbar Pelz steht der Treckwagen auch schon abfahrbereit. Es soll gleich los gehen. Die Pferde sind aber noch nicht angespannt. Hastig berichte ich über unsere Panne und bitte, uns mit den Pferden auszuhelfen. Der alte weißhaarige Pelz schaut mich lange geistesabwesend an und schüttelt nur den Kopf. Dann kommt es von seinen Lippen: „Neeke, nee, loop man wädder noh Huus. Min Peerdkes jefft ´t nich. Wo stellst du di dän dat vör? De sinn to swaak. Hebben jo de Winter öwer in´t Stall stohn.“ Ich denke, ich höre nicht richtig. Verschüchtert wage ich den Einwand: „Aber Oma hat gesagt, es genügt schon, wenn die Pferde bloß vorgespannt werden. Sie brauchen ja gar nicht zu ziehen. Es muss nur schnell gehen. Die Russen sollen schon vor Glisno sein.“ Aber der alte Pelz bleibt hart: „Dor blifft dät bi. Und met de Russen. Wat sall ick dorto seggen. Na dät glöw ick nich. Dä vertelln veel. Dät weten se ok nich. So wiet is dät noch nich. Uns Soldoten sinn jo ok noch dar. Dät duert noch ´ne ganz Wiel.“ Dann fährt er etwas versöhnlicher fort: „Loot sin, mien Jong, du kanst di dor nich rindenken. Ick hebb di al enns seggt. Dät gifft nüscht. Nu loop man wädder no huusto, segg ick di und dänn met de Pietsch. Dat helpt und ju kunne de Wagn ruttrecke.“ Und er schüttelt sein weißes Haupt: „Neeke, nee, dät ´t so wat jäben deit!“ Ich renne wieder zurück. Inzwischen hat Lady ein paar schwere Sachen vom Wagen geworfen, vor allem mehrere zentnerschwere Säcke mit Hafer. Sie werden uns schon bald sehr fehlen. Aber die Entlastung des Wagens hilft auch nicht. Die Pferde rühren sich nicht von der Stelle. Ich denke dabei an frühere Erzählungen meiner Oma, dass Pferde Unglück voraussehen und sich entsprechend verhalten. Wenn sie sich weigern, vom Hof zu gehen, bedeutet das großes Unglück und den Tod und dass niemand mehr zurückkehrt. Aber ich hüte mich, das jetzt laut zu sagen. Es ist auch keine Zeit mehr, an so etwas zu denken. „Dann lauf schnell zu Durawas“, ordnet meine Oma an. Bis zum Abbau von Durawa, unserem übernächsten Nachbarn, ist es doppelt so weit. Außer Atem renne ich wieder los. Auch bei dem Nachbarn Durawa steht der Treckwagen schon beladen und abfahrbereit auf dem Hof. Die Stall- und Scheunentüren stehen weit offen. Aber kein Mensch ist zu sehen. Ich stürze ins Haus. In der Küche finde ich den alten Herrn Durawa am Tisch beim Essen. Hastig berichte ich über unser Unglück. Herr Durawa hört mir aufmerksam zu, dann unterbricht er mich plötzlich: „Aber warum kommst du zu uns, Junge. Warum läufst du nicht zu Pelz, das geht doch viel schneller. Wir haben nicht mehr viel Zeit. In Großtuchen sind sie schon fort. In Rummelsburg wird gekämpft. Die Russen stehen schon vor Glisno.“ Ich sage, dass ich da schon war und berichte, dass Pelz seine Pferde nicht herausgibt. Durawa springt auf: „Was sagst du da? Das ist doch nicht möglich. Lauf schnell zu Pelz zurück; ich komme gleich nach. Ich renne wieder los. Kaum bin ich auf dem Hof von Pelz, kommt Durawa im Laufschritt hinter mir, immer noch kauend. Pelzens sind gerade im Begriff loszufahren. Sie wollen tatsächlich alleine fahren. Aber es fehlt noch etwas. „Min Böcker, min Böcker“, jammert der alte Pelz. Ich werde neugierig, was das für Bücher sein sollen. Schließlich bringt Anna, das Ukrainermädchen, zwei Bücher aus dem Stall heraus. Sie lagen dort, wo sie immer griffbereit gelegen haben, auf dem Stallfensterbrett. Es sind die Lutherbibel und das evangelische Gesangbuch, von denen der alte Pelz sich nie trennt. „Sofort die Pferde her”, brüllt Durawa, den ich noch nie zornig gesehen habe. „Alleine fahren wir nicht los. Der alte Pelz sperrt sich wieder und stellt sich abwehrend vor das Gespann: „Dät riskier ick nich! Wo koom ick dänn dorto? Führen ju noch min Peerdkes toschann. Un ick stoh dän alleen, so olt as ick bin. Hett jo jeder noch met sich to dohn. Eerst en groten Waagen bepacken, un nu sitten se door. Dor midde se sich alleen behelpen. Ick hebb dor keene Schuld an. Sind jo noch miehr Lüüd in´t Dorp.“ Er steigert sich immer weiter in seiner Entrüstung. Da schlägt Durawa zu, zweimal gegen die Brust, dass das Männchen zurücktorkelt, ruft mir zu, die Leine zu nehmen, spannt die Pferde aus, greift zur Peitsche, und im Laufschritt rennen wir vom Hof. Die Pferde wiehern freudig auf und ziehen uns fast mit fort. Unser Wagen ist inzwischen nicht einen Meter vorwärtsgekommen. Lady schlägt immer noch auf die Pferde ein, die mit wilden Augen hysterisch wiehern, schweißgebadet sind, mit Schaumflocken auf den Nüstern und im Frost dampfen. Durawa weist uns kurz ein und übernimmt das Gespann. Als erstes kommt die Peitsche weg. Pelzens Pferde sind noch nicht vorgespannt, schon ziehen unsere plötzlich den großen Wagen an. Als wir an Barskes Mühle kommen, ist es schon stockdunkel. Niemand ist zu sehen. Vor der Holzbrücke über die Kamenz passiert es wieder. Unsere Pferde bleiben stehen, scheuen und weigern sich, über die Brücke zu gehen. Hundertmal schon haben sie den schweren Erntewagen über diese Brücke gezogen, wenn wir die Heuernte von unserer Großen Wiese aus Großmassowitz einbrachten. Sie kennen hier jeden Schritt. Aber jetzt wiehern sie verscheucht, schlagen mit den Hufen und scharren den Boden und schnauben. Wieder knallt die Peitsche erfolglos. Aus der Dunkelheit tauchen drei Soldaten auf. Ein Unteroffizier trägt einen großen weißen Verband um den Kopf, den rechten Arm hat er in einer Schiene, der linke ist verbunden, und er hinkt auch noch. Seine beiden Kameraden sehen nicht viel anders aus. Sie sind durch den Pferdelärm aufmerksam geworden und wollen helfen. Barskes großes Wohnhaus ist schon voll mit Schwerverwundenten belegt. In diesem Moment ist wieder heftiges Artilleriefeuer aus Richtung Rummelsburg zu hören. Die Abschüsse schwerer Geschütze sind laut durch die frostklare Nacht zu hören. Der Geschützdonner scheint immer näher zu kommen. Es hört sich an, als ob in Zemmen schon gekämpft wird. Auch die Verwundeten horchen auf. Meine Mutter fragt die Soldaten, ob es da überhaupt noch Zweck hat, auf den Treck zu gehen. „Aber ja“, beruhigt uns der schwerverwundete Unteroffizier, „der Russe ist noch weit. Wir halten ihn auf.“ Er sagt tatsächlich „wir“ und fährt sich dabei mit schmerzverzerrtem Gesicht über seinen Kopfverband, durch den Blut sickert. Ich denke an die gesunden SS-Offiziere vom Vortag, für die schon alles verloren ist. Und diese Krüppel wollen den Russen noch aufhalten. Aber es ist nicht mehr die Zeit, solche Überlegungen anzustellen. Der verwundete Unteroffizier nimmt unseren Braunen am Halfter, tätschelt ihn mit seiner verbundenen linken Hand, spricht beruhigend auf die erregten Pferde ein, und sie ziehen plötzlich widerstandslos und ohne jede Mühe den schweren Wagen über die Brücke und machen uns nie wieder Schwierigkeiten. Am Gehöft von Gaul und Dunse haben wir die Hauptstraße Rummelsburg-Bütow erreicht. Auf der Teerstraße rollt unser großer Treckwagen nur so dahin. Im Dorf Großtuchen ist kein Licht zu sehen und keine Menschenseele. Nur einige Wehrmachts-LKW sind im Dunkeln geparkt. An der Post stehen ein Auto und ein Motorrad. Pakete werden verladen. Ein Soldat ruft uns zu: „Nun aber schnell, Leute, ihr seid die letzten, der Russe steht schon zehn Kilometer vor Glisno.“ An den Zollhäusern erreichen wir endlich den Anschluss an den geschlossenen Treck. Es sind aber unbekannte Flüchtlinge aus den Nachbardörfern. Die Großtuchner sind längst fort. Bei Moddrow sehen wir in östlicher Richtung den Nachthimmel in Flammen. Es ist ein schauriges Bild. In Borntuchen wollen wir auf die Hauptstraße Bütow – Schlawe einschwenken und zur Küste kommen. Der Treck stoppt plötzlich. Auf der Kreuzung steht ein SS-Posten und verkündet: „Der Russe ist heute Nacht zur Ostsee durchgebrochen. Wir sind im Kessel. Aber keine Panik, wir bringen euch mit Schiffen über Danzig und Gotenhafen heraus.“ In Nippoglense Früh am Morgen fahren wir in das tiefverschneite Dorf Nippoglense ein, das schon zum Kreis Stolp gehört. Die Sonne ist gerade aufgegangen. Es ist nochmals richtiger Winter geworden, ein herrliches Winterwetter. Der Treck hält mitten im Dorf. Man ist unschlüssig, ob man weiterfahren oder bleiben soll. Das Dorf ist von Treckwagen und Militärfahrzeugen total überfüllt. Viele Bütower Flüchtlinge sind auch hier. Auf Schritt und Tritt treffen wir Bekannte. Wir sehen auch meine Cousine Ella Vollert, die als Krankenschwester die schweren Fliegerangriffe in Bütow überlebt hat und noch ganz unter dem Schock steht. Erstmalig erfahren wir etwas Näheres über die Zerstörungen in Bütow, die vielen Toten und Verwundeten von dem zusammengeschossenen Ostpreußen-Treck am Bahnhof und an der Mühle. Ein älterer Herr läuft tiefbewegt von Wagen zu Wagen und schreit etwas Aufregendes. Er schaut auch in unseren Treckwagen hinein. „Leute, habt ihr es schon gehört“, ruft er, und Tränen rollen ihm über das Gesicht. „Habt ihr es gehört? Küstrin ist wieder frei. Eben ist eine Sondermeldung durchgegeben worden. Unsere Truppen haben Küstrin freigekämpft.“ Er weint wie ein kleiner Junge. „Mein Sohn kämpft bei Küstrin“, schluchzt er. „Er ist erst sechzehn. Ja, ja unsere Jungs...“, und schon rennt er weiter, um seine Freudenbotschaft dem nächsten Treckwagen zu überbringen. Aber was dem alten Herrn die Freudentränen ins Gesicht treibt, löst bei uns blankes Entsetzen aus. „Küstrin“, ruft unsere Oma, „das ist doch vor Berlin. Um Gottes Willen, die Russen stehen schon vor Berlin! [2] Und wir sind hier in Hinterpommern im Kessel. Wo wollen wir da noch hin?“ Seidem steht für uns fest, freiwillig nicht weiterzuziehen und so nahe wie möglich bei unserem Heimatdorf Großtuchen zu bleiben. Auf keinen Fall wollen wir aufs Schiff gehen. Lieber zu Hause umkommen als in den eisigen Fluten der Ostsee oder irgendwo in der Fremde, das ist unsere einstimmige Meinung. Unsere Oma glaubt außerdem, dass jeden Tag mit dem Kriegsende gerechnet werden kann. „Wenn es nicht mehr geht, wird er den Waffenstillstand anbieten. Genau wie sie es damals im Weltkrieg 1918 gemacht haben“, ist ihre feste Überzeugung. Mit er ist Hitler gemeint. Niemand ist sich aber darüber klar, dass diesmal der Krieg nicht von Generälen geführt wird, sondern verantwortungslos von einem wahnsinnigen ignoranten Gefreiten. Auf der Dorfstraße treffen wir unseren Nachbarn Bruno Barske von der Obermühle. Er trägt ein Bündel unter dem Arm und einen Spaten. Meine Mutter fragt ihn ironisch, ob er noch einen Panzergraben schaufeln will. Dann wird es aber höchste Zeit. Er schüttelt den Kopf. Den brauchen wir nicht mehr. Er will sein neugeborenes Enkelchen begraben. Es ist schon in der ersten Nacht auf der Flucht erfroren. Gisela, die Mutter des Babys, liegt mit hohem Fieber im Treckwagen. Herr Barske bittet mich, ihm beim Schaufeln des Grabes behilflich zu sein. Wir suchen lange nach einer geeigneten Stelle. Endlich finden wir im Park des Puttkamerschen Schlosses einen Platz. Es ist an einer Tanne rechts, wenn man die Straße von Bütow ins Dorf kommt. „Hier unter der Tanne an der Mauer werden wir das Grab später am ehesten wiederfinden“, sagt Barske. Nur mit großer Mühe bekommen wir die kleine Gruft fertig. Der Boden ist stark gefroren. Es schneit und ist eisig kalt. Wir müssen uns beeilen. Barske spricht ein Vaterunser und weint. Es ist der zweite Mann, den ich auf der Flucht weinen sehe. Frauen weinen jetzt nicht mehr so oft. Am Nachmittag kommt unsere Nachbarin Agnes Durawa mit der Schreckensbotschaft: In Großtuchen wird schon gekämpft. Reckow ist aufgegeben. Dort sind alle gefallen. Auch die ganze Volkssturmgruppe von Dunse ist angeblich tot. Am Straßenrand stehen zwei Panzer. Die Soldaten sind damit beschäftigt, eine Raupenkette zu reparieren. Jemand von den Frauen sagt: „Bütow soll schon aufgegeben worden sein.“ Eine andere junge Frau mischt sich ein und protestiert energisch: „Das kann nicht sein. Das wird der Führer niemals zulassen. Bütow wird verteidigt. Wir geben doch unsere Stadt mit der wichtigen Burg nicht auf.“ Das hören die Soldaten. Einer ruft herüber: „Liebe Frau, erzählen sie keine Märchen. Wir kommen gerade aus Bütow. Vor genau einer Stunde haben wir die Stadt geräumt. Wir waren die letzten Panzer. Nach uns kommt niemand mehr...“[3] Peinliches Schweigen tritt ein. Am Nachmittag kommt schon wieder ein einzelnes russisches Flugzeug und kreist hoch und lange über dem Dorf. Ich höre, wie ein Soldat sagt: „Das ist ein russischer Aufklärer. In spätestens einer Stunde wird hier alles zusammengeschossen.“ Ich laufe zu unserer Mutti und bitte sie in wahnsinniger Angst, aus dem Dorf herauszufahren, das von Flüchtlingswagen überflutet ist, hinaus in den schützenden Wald. Ich sehe vor mir die blutüberströmten ostpreußischen Treckwagen und die vielen toten Kinder, von denen Cousine Ella aus Bütow gerade erzählt hatte. Ich will nicht sterben, so wie diese Kinder oder wie unsere Schulfreundin Christa Gaterman oder andere. Ich will nicht so sinnlos sterben, jedenfalls jetzt noch nicht. Aber alles ist vergeblich, meine Mutter bleibt hart. Als ein gefährliches Brummen von vielen Flugzeugen am wolkenbedeckten Himmel zu hören ist, laufen wir in ein kleines Haus, um das dicht herum fünf riesige Tankwagen der Wehrmacht sorgsam getarnt und mit Ästen abgedeckt unter großen Bäumen geparkt sind. „Wenn die Wagen voll Benzin sind“, sage ich, „gibt das aber ein Flammenmeer und wir verbrennen alle.“ Aber niemand achtet auf mich. Kaum sind wir im überfüllten Raum der Kate, wird die Tür aufgerissen und ein Unteroffizier mit einer Maschinenpistole im Anschlag stürzt herein und brüllt: „Seid ihr wahnsinng geworden. Wir haben in den Tankwagen 25 000 Liter Sprit geladen. Wenn hier auch nur eine Kugel hineingeht, verbrennt alles. Alle sofort raus!“ Er zeigt auf Unterstände und Bunker, die abseits vom Haus errichtet worden sind. Die Menschen bewegen sich aber nicht und sind von seinen Drohungen unbeeindruckt. Ich bin als Letzter in den Raum gekommen und renne so schnell ich kann in die vom Unteroffizier angezeigte Richtung, ohne mich nochmals umzusehen. Dunkle schwere Wolken hängen tief am Himmel. Es schneit und kaum ist etwas zu sehen. In der Luft nimmt das unheilvolle Dröhnen vieler Flugzeugmotoren zu. Der Lärm kommt immer näher. Es müssen sehr viele feindliche Flieger in den Wolken sein. Ich renne um mein Leben. Plötzlich kracht es um mich ohrenbetäubend. Holzteile und Bretter fliegen durch die Luft. Ich stolpere und stürze in einen Graben. Ich bin wahrscheinlich in einen Unterstand geraten, auf den die Bomben niedergehen. Dann ist die Hölle los. Ich fühle einen starken Schlag im Rücken. Ein Stück Holz trifft mich am Kopf. Ein stechender Schmerz im Gesicht nimmt mir den Atem und alles verschwindet um mich herum. Ich wache in seltsamer Umgebung auf. Wohltuende Wärme umströmt mich. Große Augen starren mich an. Es sind die von Kühen. Ein Hund ist da, der mitleidig mit dem Schwanz wedelt. Ich befinde mich in der Box eines Kuhstalls auf Stroh gebettet. Ringsherum stehen Schüsseln und Wannen. Der ganze Körper tut mir weh, an Armen und Beinen brennt es fürchterlich und besonders im Gesicht, wenn ich mich bewege. Frauen, die ich nicht kenne, beugen sich über mich. Ich höre jemanden sagen „Hat das Bürschchen aber Glück gehabt.“ Ich versuche zu überlegen, was geschehen ist, gebe aber vor Schmerzen auf. Nur liegen bleiben in dieser Wärme, hier im Kuhstall, sich nicht bewegen, nicht mehr weiter! Am späten Nachmittag, als erneut Schneetreiben einsetzt, ziehen wir doch wieder weiter. Das Dorf Nippoglense wird geräumt. Ich gehe hinter unserem Wagen her und halte mich am großen Mittelseil fest, mit dem die Plane am Wagenboden gesichert ist. Niemand darf auf dem Wagen sitzen, der nur einigermaßen laufen kann. Unsere Oma ist unerbittlich und duldet keine Ausnahme. Damit sollen wir vor Erfrierungen geschützt werden und vor Erkrankungen. So lange wir laufen können, sind wir nicht krank, meint sie. Ich glaube aber, dass im Hintergrund wohl mehr die Angst steht, es könnte ein Wagenrad brechen oder unsere Pferde schaffen es nicht mehr, den überladenen Wagen zu ziehen oder rutschen aus. Die Hufe unserer Pferde sind nicht frisch beschlagen. Wegen den Fliegerangriffen kamen wir nicht mehr zur Dorfschmiede durch. Auf den vereisten Straßen haben die Pferde es sehr schwer und kommen immer wieder ins Rutschen. Es wäre die größte Katastrophe, wenn sie sich ein Bein brechen. Das wäre das sichere Ende auf der verschneiten Landstraße und der Tod im Straßengraben. Bald geht es kaum noch. Noch nie vorher habe ich mich so elend gefühlt. Meine Kräfte sind erschöpft. Jeder Schritt wird zur Qual. Hinzu kommt ein wahnsinniger Durst. Ich habe sicher zuviel Blut verloren. Wir hatten an alles gedacht, als wir auf den Treck gingen, aber niemand hatte eine Vorstellung, wie entsetzlich Durst ist und dass es das Wichtigste ist, etwas zu Trinken zu haben. Ich hänge mich an das große Seil und lasse mich förmlich ziehen. Zum ersten Mal kommt mir der Gedanke aufzugeben, mich einfach fallenzulassen, in den hohen Schnee im Straßengraben. Neben mir geht unsere Nachbarin Lenchen Wolff und unterhält sich mit einem älteren Soldaten, der sich bei uns in die Wagenlücke gedrängt hat. Er müsse ins nächste Dorf, Wache stehen, höre ich ihn sagen. Aber er weiß nicht einmal den Namen des Dorfes und ein Gewehr trägt er auch nicht. Immer wenn Gegenverkehr auftritt, ein Wehrmachtsauto oder Krad vorbeifährt, drängt der Soldat sich ganz weit zu mir zum Straßenrand und scheint sich zu ducken. Das Rittergut Mickrow Wir kommen nur mühselig voran, keine 20 km pro Tag. Ortstafeln, Verkehrsschilder oder sonstige Wegezeichen gibt es schon lange nicht mehr. Sie sind bereits im Oktober 1944 von der Wehrmacht abgenommen worden, um Spionen und Deserteuren die Orientierung unmöglich zu machen. Die Trecks werden von der Wehrmacht oder SS meist auf Umwege geleitet. Die Hauptstraßen dürfen nicht befahren werden, um sie für die Truppenbewegungen frei zu halten. Sie liegen meist auch unter Beschuss russischer Tiefflieger. Flüchtlingstrecks sind beliebte Ziele und werden leicht angegriffen, da kein Widerstand erfolgt und die zusammengeschossenen Wagenwracks auf den engen Straßen wirksame Hindernisse für vorrückende Militärfahrzeuge bilden; außerdem gehört Chaos und Terror zum Krieg. Wir fahren also nur im Dunkeln und bei Unwetter auf Nebenwegen und oft durch Wald. Nur unsere Oma kennt jedes Dorf, durch das wir kommen und erklärt es uns und den anderen. Einzelne Dorfnamen prägen sich ein: Budow, Muttrin, Mickrow, Zechlin. Auf dem Rittergut Mickrow übernachten wir, ziehen aber bald weiter. Das Gut gleicht einem Heerlager. Unsere Oma erzählt uns aus ihrer Jugendzeit. Als junges Mädchen war sie auf dem Rittergut in Mickrow als Gesellschafterin bei den Adligen angestellt, als das Gut noch im Besitz der Grafen von Woldeck-Arneburg war. Jetzt nach 50 Jahren kommt sie als bettelnder Flüchtling. Hinter Mickrow machen wir wieder Rast. Wir sind bei einem Ortsbauernführer oder so etwas Ähnlichem direkt am Kirchplatz einquartiert. Wie immer sind die Räume total überfüllt. Der lange Nazi stolziert in einer tadellos gebügelten SA-Paradeuniform herum und ist wütend über den Schmutz, den wir Flüchtlinge in seine blitzblanke Wohnung bringen. Er redet auf uns ein, als ständen wir vor dem großen Endsieg. Sein Auftritt wirkt auf die todmüden Flüchtlinge wie Hohn und provoziert sie. Niemand hört ihm zu. So schnell es geht, mache ich mich davon und laufe die Straße hinaus, auf der sich die unendliche Kette der Treckwagen bewegt. Ich hoffe, Bekannte zu treffen, vielleicht jemand aus unserem Dorf, von meinen Schulfreunden, die mir sehr fehlen. Ganz insgeheim denke ich aber, meinem Vater zu begegnen, denn ab und zu bewegt sich auch eine vereinzelte Volkssturmgruppe zwischen den Flüchtlingen. Aber ich habe kein Glück. Überall starren mich nur fremde, müde Gesichter verängstigt an und auf meine Fragen, ob jemand aus Großtuchen dabei ist, schütteln sie nur teilnahmslos den Kopf. Meistens erhalte ich aber überhaupt keine Antwort. Ich bin ein paar Kilometer gelaufen und weit aus dem Dorf hinausgekommen. Wieder ist herrlicher Sonnenschein über der tiefverschneiten Hügellandschaft. Plötzlich sehe ich in der Ferne am Horizont auf einer Hügelkette dunklen Rauch. Fünf schwarze Rauchsäulen erheben sich dicht nebeneinander zum Himmel. Darüber kreisen Flugzeuge und setzen immer wieder zum Sturzflug an. Es geht also wieder los mit diesen verdammten Fliegern! So schnell ich kann, renne ich die vereiste Straße zurück, die jetzt fast leer ist, um in den schützenden Keller zu meinen Leuten zu gelangen. Völlig außer Atem erreiche ich den Kirchplatz. Da kracht es um mich herum. Ein einzelnes Flugzeug geht im steilen Sturzflug auf die Kirche nieder und feuert auf den Kirchturm. Fensterscheiben klirren, Zweige brechen ab und werden vor meine Füße geschleudert. Ein armdicker Ast prallt vor mir auf das vereiste Pflaster. Ich werfe mich hin und warte ab. Das Flugzeug steigt wieder, dreht und setzt erneut zum Tiefflug an. Ich richte mich wieder auf und renne weiter. Nur noch gut hundert Meter bis zum Haus, dann habe ich es geschafft und bin in Sicherheit. Eine Stimme von der Kirche her ruft: „Um Gottes willen nicht rennen, bist du wahnsinnig? Werfe dich hin, Junge, und dann komm zu mir hierher.“ Ich schaue mich um, sehe aber niemanden, folge trotzdem der Anweisung und laufe in die Richtung, aus der die Stimme kommt. Ein großer schlanker Soldat, nicht älter als 19 Jahre, tritt hinter einem Eckpfeiler hervor. „Pass genau auf und mache alles genau so wie ich. Das ist nur ein einzelnes Flugzeug, das kann uns nicht viel tun.“ Er erklärt mir den Flugzeugtyp und seine Ausrüstung. Es kann nur nach vorne schießen und hat nur noch ein Heckmaschinengewehr. Wenn man es von der Seite sieht, ist es ganz ungefährlich. Nur von vorne oder von hinten droht der Tod. So rennen wir von einer Seite der Kirche zu anderen, je nachdem, wie das Flugzeug zu sehen ist. „Warum beschießt der Flieger unbedingt die Kirche“, will ich wissen. „Er glaubt, dort sitzt ein VB“, belehrt mich der Soldat. Ich verstehe nicht. „Das ist ein vorgeschobener Beobachter für die Artillerie, der ein Funkgerät hat und der Artillerie genau mittteilt, wo und wieviele Panzer kommen und danach schießen sie dann“. „Ist denn einer auf dem Turm?“, frage ich. Er winkt verächtlich ab: „Die sind doch alle schon lange weg.“ Ich freue mich riesig, dass der Russe so angeführt ist und auch uns nicht mal trifft. Nach einer Stunde dreht er ab. „So, jetzt kannst du zu deiner Mutti“, sagt der Soldat. „Der Iwan hat seine Munition verschossen, und bis er wieder kommt, dauert es mindestens eine Stunde.“ Ich lade ihn ein mitzukommen und hier nicht im Kalten herumzustehen. Aber er winkt ab. Das ginge nicht. Er sagt noch, ich solle besser nicht erzählen, wen ich an der Kirche getroffen hätte. Ich verspreche es ihm und bin stolz, dass ich solch eine militärische Ausbildung unter echten Frontbedingungen von einem wirklichen Soldaten erhalten habe. Welcher Rekrut hat so ein Glück? Es fließt Blut Im Nu ist das Dorf wieder überfüllt mit Treckwagen. Einige Wagen sind angeschossen und sogar blutbespritzt. Auch Pferde bluten. Ich werfe einen Blick in einen Wagen und erstarre vor Schreck. Mehrere Menschen liegen drin, unbeweglich und blutüberströmt. Der riesige SA-Mann in seiner Paradeuniform tritt vor das Haus und brüllt über den Platz: „Alle Flüchtlinge sofort raus aus dem Dorf. Nur wegen den verdammten Flüchtlingen wird mein schönes Dorf zerstört.“ Er jammert und flucht. Man spricht auf ihn ein. Er wäre doch morgen schon selbst Flüchtling, die Russen stehen doch schon vor dem Dorf. Aber er schimpft und droht nur noch heftiger: „Raus, alles sofort raus aus meinem Dorf.“ Von einem blutbespritzen Wagen springen zwei Männer herab. Ein großes Jagdmesser blitzt auf. Die Stimme wird schrill: „Ich bringe euch alle vors Kriegsgericht“ und bricht jäh ab. Die Männer klettern auf ihren Wagen zurück und peitschen wie wild auf die Pferde ein. Nur raus hier, hinein in den schützenden Wald. Wir schließen uns an. Wie hatte doch meine Oma so oft gesagt? „Wenn erst Blut fließt, ist keiner mehr zu halten!“ Am 8. März erreichen wir endlich die Hauptstraße Stolp-Lauenburg bei Karlshöhe. Wir hoffen, dass es auf der großen Straße schneller voran geht. Es bietet sich uns aber ein erschreckendes Bild, und wir wissen jetzt, dass das Ende nahe ist. Über eine Stunde brauchen wir, um auf die Hauptstraße einschwenken zu können und eine Lücke im fließenden Verkehr Richtung Lauenburg zu finden. In wilder Flucht bewegen sich auf der Straße Militärfahrzeuge in Doppelreihen. Gegenverkehr gibt es nicht mehr. Dazwischen fahren Treckwagen der Flüchtlinge. Ringsumher ist alles in tiefem Schnee versunken. Die Hauptstraße ist aber vom Schnee geräumt, wahrscheinlich durch Schneeräumtrupps und Schneepflüge. Sie ist jedoch stark vereist. Ohne Schwierigkeit passen wir uns dem Tempo an, denn unsere starken Pferde ziehen den Wagen fast mühelos. Zur Rechten, es ist wahrscheinlich schon bei Langeböse, zähle ich etwa 500 Soldaten in schwarzen Uniformen, ein ganzes Panzerbatallion, das vor einem großen Gutshaus angetreten ist. Der Kommandeur hält eine Ansprache vor 3 Särgen. Die Front, der Tod, ist also schon in der Nähe. Ich bin der einzige, der das wahrnimmt. Niemand sonst achtet darauf. Jeder denkt nur an Flucht. Alle sind entsetzlich apathisch, auch das Militär. Es kommen keine Befehle und Anweisungen mehr, es gibt nur noch das unausgesprochene Kommando: Rette sich, wer kann! In Bresin ist alles zu Ende Kurz vor Lauenburg müssen die Treckwagen die Hauptstraße verlassen. Wir biegen wieder auf Nebenstraßen ein. Vor dem Dunkelwerden erreichen wir das Dorf Bresin, das zu unserem Schicksalsort werden soll. Wie üblich laufen wir zu Fuß hinter unserem Wagen her. Am Dorfrand links vor uns in einer Entfernung von etwa 100 - 200 Metern ist ein MG-Nest eingerichtet. Zwei Soldaten bedienen ein schweres Maschinengewehr und geben Dauerfeuer ab. Jemand ruft hinüber, was das zu bedeuten habe. Einer der Soldaten winkt uns mit einer Schnapsflasche in der Hand zu: „Keine Angst, wir üben nur.“ Man ist beruhigt. Ich sage: „Sie üben aber mit scharfer Munition. Das darf doch gar nicht sein. Und warum müssen sie jetzt noch üben?“ Aber unsere Oma antwortet: „Das verstehst du nicht. Dazu bist du zu klein. Du bist ja erst zehn.“ Bald allerdings soll sich herausstellen, dass ich der Einzige bin, der den Ernst der Lage begriffen hat. Wir sind bereits in die Hauptkampflinie, die berühmte HKL, geraten. Mit ihrem MG legen die Soldaten einen Feuergürtel. Die Russen kommen an diesem Abschnitt in Massen mit Kavallerie und Infanterie. Pferde und Infanteristen werden so zurückgehalten, nur Panzer kommen durch. Das Dorf ist schon um fünf Uhr am Nachmittag aufgegeben worden. Alle Vorräte wurden verteilt. Jeder konnte sich nehmen, was er wollte. So kam es zu keinen Plünderungen. Die Soldaten griffen zu Schnaps- und Bierflaschen, ehe sie in die Schützengräben gingen. Die Russen sind tatsächlich schon 3 km hinter uns. Aber das alles erfahren wir erst viel später. In Bresin werden wir am späten Abend in der Schule einquartiert. Der Oberlehrer, ein älterer Herr mit schneeweißem Haar, teilt selbst heiße Milchsuppe aus und Tee. Die Klassenzimmer sind geheizt und mit Stroh ausgelegt. Wir glauben, wir kommen ins Paradies. Viele weinen vor Freude. Dass draußen schon geschossen wird, nimmt niemand so richtig mehr wahr. Die Stimme meiner Mutti überhören wir: „Wenn wir nicht schneller fortkommen, kriegt uns der Russe doch noch ein...“ Bald fallen wir alle in einen tiefen Schlaf. Ohrenbetäubendes Panzergeschützfeuer weckt uns am anderen Tag, dem für uns schicksalhaften 10. März 1945. Es ist schon taghell. Wir haben alle verschlafen. Der Schulklassenraum ist schon wieder eiskalt. Die Fenster sind mit einer dicken Eisschicht bedeckt. Ich stürze ans Fenster und hauche mir ein Guckloch in die vereiste Fensterscheibe. Im Schulhof stehen dicht beieinander zwei schwere deutsche Tiger-Panzer und feuern ununterbrochen aus der Deckung heraus. Nach 20 Minuten hört das Schießen plötzlich auf. Die Panzer drehen ab und verlassen mit dröhnendem Kettengerassel den Schulhof und das Dorf. Eine Kompanie Soldaten tritt auf dem Schulhof an. Es sind müde, übernächtigte Gestalten. Die meisten haben weißes Tarnzeug übergeworfen und tragen Maschinengewehre, Panzerfäuste, Handgranaten oder Karabiner. Sie sind offensichtlich eben aus den Schützengräben abgezogen worden. Die Unteroffiziere machen Meldung. „Wer fehlt noch?“, ruft der Kompaniechef. „Die Panzerabwehr, Gruppe Müller“, wird ihm geantwortet. „Auf die Kameraden können wir nicht mehr warten. Im Eilmarsch ab, Richtung Neustadt!“, ist das Letzte, was ich höre. Nicht einmal im Gleichschritt zieht die müde Truppe schnell ab. Ich schaue mit Entsetzen hinterher. So habe ich mir das Ende unserer Wehrmacht nicht vorgestellt, die für uns immer als unbesiegbar galt, zu Wasser, zu Lande und in der Luft. So stand es jedenfalls in unseren Lesebüchern. In Eile wird etwas gegessen. Dann stürzen wir hinaus. Auf der Dorfstraße jagt ein Flüchtlingsgespann das andere. Die Bauern schlagen auf die Pferde ein, als wären sie von Sinnen. Überall rufen sie: „Der Russe kommt!“ Das heißt: Rette sich, wer kann! Schließen wir uns an? Getreu unserem Prinzip, keinen Schritt zu weit zu gehen, zögern wir wieder und bleiben bis zuletzt. Gegen elf Uhr wird es still im Dorf. Unser Nachbar Durawa geht los, um die Lage zu klären. Bald kommt er zurück mit der Nachricht: Es ist zu spät. Die Russen sind da! Am Dorfrand hat er von weitem drei Soldaten querfeldein rennen sehen. Es sind die letzten Deutschen. Auf seine Frage, was zu tun ist, geben sie ihm zur Antwort: „Um Gottes willen nicht mehr auf die Straße gehen. Ihr seid im Schussfeld der russischen Panzer. Die Russen schießen auf alles, was sich bewegt. Bleibt bloß, wo ihr seid. Wir haben die drei ersten Panzer abgeschossen. Aber gleich kommen die nächsten. Wir müssen weg.“ Und sie rennen, so schnell sie können. Damit ist unser Schicksal besiegelt. Bekannte Flüchtlinge, die noch am Morgen durchkamen und das Dorf in panischem Schrecken verließen, werden bis nach Dänemark kommen, denn bei Neustadt werden die Russen wieder tagelang aufgehalten. Wir suchen uns eine Bleibe und finden sie in einem kleinen Häuschen, dicht an der großen Kirche. Die Bewohner sind geflüchtet oder sitzen irgendwo im Luftschutzkeller. Im großen Wohnzimmer ist der Tisch weiß gedeckt, und es stehen Kaffee und sogar Torte auf dem Tisch, alles unangerührt. Hier ist sicher eine Feier abgebrochen worden. Solche Herrlichkeiten haben wir lange nicht gesehen. Trotzdem rührt niemand etwas an. Keiner denkt jetzt mehr ans Essen. Wir versammeln uns in dem Wohnzimmer: die Großfamilie Durawa, Pelz und viele fremde Flüchtlinge, fast nur Frauen und Kinder. Die Männer sind in den Ställen bei den Pferden, um den Russen zu zeigen, dass sie nichts mit Militär und Krieg zu tun haben. Es wird so etwas wie eine letzte Abschiedsfeier von Deutschland und vielleicht vom Leben. Eine junge Frau redet fanatisch und ununterbrochen. „Der Führer hat gesagt, wenn die Russen bis heute 12.00 Uhr Deutschland nicht verlassen haben, setzt er die Vergeltungswaffe ein.“ Durawa sagt, er solle sich beeilen, denn dafür hat er nur noch genau eineinhalb Stunden Zeit. Solche Prophezeiungen sind jetzt an der Tagesordnung. Die Menschen klammern sich an unglaublichen Dingen fest. Am verbreitetsten ist die Voraussage, dass nach der jetzigen Niederlage Deutschland nochmal ganz groß und stark wird. „Wenn die Kirschbäume blühen...“, heißt es. Die junge Frau spricht ununterbrochen weiter, aber niemand hört ihr mehr zu. Es ist die gleiche Frau von Nippoglense, die Bütow verteidigen wollte. Frau Agnes Durawa spricht ein langes Gebet und beschwört den Heiland Jesus Christus, uns zu beschützen. Mit meinem Bruder Ulli laufe ich nochmal durch das Dorf. Wir treffen zwei Jungen vom Treck, die einen Karabiner tragen und ihn dann in großer Eile über die Mauer an der Kirche werfen. Lady kommt uns entgegen und hält uns eine bunte Schachtel mit Süßigkeiten entgegen mit der Aufforderung: „Essen, Jungs, nochmal essen. Sowieso doch alle gleich tot!“ Es sind herrliche Pralinen, die wir noch nie zu sehen bekamen. Wir wundern uns, dass Lady von Tod spricht, eigentlich müsste er sich als Ostarbeiter doch freuen, befreit zu werden und wieder in seine Heimat zu seiner Mutter zu kommen. Seinen Vater hatten die Bolschewiken 1930 ermordet, als er sich weigerte, in die Kolchose einzutreten, und seine beiden Schwestern waren schon 15 Jahre irgendwo im Arbeitslager. Er weiß offensichtlich zu genau, was auf uns zukommt. Tödliche Stille zieht ins Dorf. Stunden vergehen. Nichts regt sich mehr. Plötzlich, es ist kurz nach 15.00 Uhr, gallopieren zwei Reiter ins Dorf. Sie werden sofort von einer Gruppe Ostarbeiter umringt. Es wird lange und heftig diskutiert. Dann reißen die Kavalleristen ihre Pferde auf Kommando herum und im gestrecktem Galopp preschen sie davon. Es dauert keine Stunde, und das Dorf ist mit Russen überflutet. Trotz strengstem Verbot unserer Oma habe ich mich an das Fenster geschlichen und beobachte hinter der großen Gardine die Dorfstraße, die ich sehr weit einsehen kann. Rechts und links kommen Russen im Gänsemarsch die Straße aus der Richtung von Birkenhof. Unserem Haus gegenüber befindet sich ein großer Pferdestall. Ein Russe verschwindet im Stall und treibt gleich danach einen deutschen Mann vor sich her, der die Arme hoch erhoben hat und sich mit dem Gesicht an die Wand stellen muss. Der Russe tastet ihn nach Waffen ab, lässt ihn dann aber gehen. Der Mann verschwindet sofort wieder im Stall bei den Pferden. Unser Haus wird zunächst übergangen. Dann fliegt auch bei uns die Tür auf. Ein sehr junger Russe stürzt hastig herein, die Maschinenpistole in der rechten Hand, schaut sich kurz um und sagt wütend etwas zu den Ostarbeiterinnen. Ich höre angespannt zu, verstehe aber immer nur das Wort Piwo, das Bier heißt. Die ukrainischen Mädchen sind bestürzt. Sie wollen nichts sagen und haben den Russen angeblich nicht verstanden. Aber unsere Oma drängt auf die Übersetzung, was immer es auch sei, und schließlich kommen sie verschämt damit heraus: Der Russe kündigt an, er käme in genau 20 Minuten wieder und falls dann nicht 5 Flaschen Bier und ein Mädchen für ihn bereitstehen, würde er jemanden von uns erschießen. Ein klares Ultimatum der Sieger! Aber keine Frau findet sich bereit, und über Bier verfügen wir ohnehin nicht. Unsere Oma ist die Einzige, die nicht den Kopf verliert. Alle anderen sind bleich und gelähmt vor Todesangst. Sie glaubt natürlich, dass der Russe uns vergessen und woanders abgelenkt wird. Aber nach einer Stunde erscheint er doch wieder, schaut jede Frau an, greift sich ein junges Mädchen und zieht es mit sich fort. Das Bier hat er sich inzwischen woanders geholt. Er ist bereits stark angetrunken. Bange Stunden vergehen. Wieder erscheinen Russen. Diesmal sind es mehrere ältere Offiziere, offensichtlich ein ganzer Stab. Sie richten sich im Nebenzimmer ein. Vorher müssen wir uns aufstellen und ein baumlanger Sergeant hält eine Ansprache an uns. Jemand von den Ukrainer-Mädchen dolmetscht, kommt aber bald nicht mehr zurecht. Das ist auch nicht nötig. Tonfall und Bewegung des Sergeanten zeigen uns, dass er uns beruhigen will. Er spricht leidenschaftlich und fast beschwörend. Zum Schluss holt er zwei Äpfel aus der Tasche und gewissermaßen als Zeichen des guten Willens überreicht er einen der kleinen Lieselotte Pelz, die vor ihm sitzt, und einen mir, der ich auf der hintersten Reihe stehe. Eine Stimme ertönt, es ist wieder die junge fanatische Frau: „Nehmt den Kindern bloß die Äpfel weg, sie sind bestimmt vergiftet.“ Die Russen weisen uns an, die sechs Gänse zu schlachten, die sich im Hof befinden. Unsere Oma versucht Ihnen zu erklären, dass jetzt im März das Gänsefleisch nicht gut wäre. Es gäbe doch Besseres. Aber sie bestehen darauf, dass das Fleisch gekocht wird. Wir sind erstaunt, wie vertrauenselig die Russen sind. Ich schleiche mich immer wieder zur Tür und beobachtete sie. Sie sitzen mit ernsten Gesichtern bei einer Petroleumlampe am Tisch über Landkarten gebeugt. Ab und zu kommt ein Melder. Wir werden von niemanden belästigt und verbringen die erste Nacht unter den Russen ganz unbehelligt. Trotzdem schläft niemand. Alle liegen wir in vollständiger Kleidung und mit Stiefeln wach auf den Betten. Die ganze Nacht hindurch ist in der Ferne Krawall zu hören. Fensterscheiben klirren. Ab und zu fällt ein Schuss, manchmal ist ein Feuerstoß aus einer Maschinenpistole zu vernehmen, dazwischen gellende Aufschreie von Frauen und Mädchen, die uns erschüttern. Die russischen Stabsoffiziere achten nicht darauf. Sie scheinen daran gewöhnt zu sein. Unheimlich erscheint uns der Kontrast zwischen den ruhigen und freundlichen Offizieren und den düsteren Vorgängen draußen im Dorf. Wir können ihn uns nicht erklären. Noch in der Nacht bildet sich unter uns so etwas wie ein Katastrophenrat, der aber eigentlich nur aus Herrn Durawa und unserer Oma besteht, die einzigen, die einen klaren Kopf behalten haben. Wir wollen uns offiziell unter den Schutz der Roten Armee stellen und sie bitten, uns so etwas wie einen Geleitbrief auszustellen, der uns schützen soll und mit dem wir unbehelligt nach Hause kommen wollen. Denn nach Hause wollen wir alle auf der Stelle; das heißt, mit einer Ausnahme: Die junge Frau Pelz will nicht zurück, sie hat eine unbestimmte furchtbare Angst vor zu Hause und sagt das immer wieder. Eine Vorahnung des Todes? Am anderen Tag wird den russischen Offizieren unser Anliegen vorgebracht. Zu unserem Erstaunen sind sie freundlich zu uns und zeigen Verständnis, raten aber, nicht sofort auf die Straße zu gehen und abzuwarten. Die Straßen brauche man zum Vormarsch auf Gotenhafen und außerdem hätte man die Gegend nicht unter Kontrolle. Wir verstehen nicht, was sie damit meinen. Bald werden wir es erfahren. Dennoch erhalten wir auf unser Drängen die Erlaubnis und sogar den gewünschten Geleitbrief mit dem begehrten und entscheidenden Stempel. Als alles geklärt ist, kommt Durawa mit der Nachricht: „Wir können nicht fahren, Lady, unser wichtigster Mann, weigert sich. Er will nicht zurück. Er hat Angst.“ Alle Ostarbeiter sind in der Scheune versammelt. Der Alkohol fließt in Strömen. Mutti sagt: „Das ist nicht möglich. Da muss ich sofort hin, mit ihm selbst sprechen.“ „Du bist wahnsinnig“ , sagt Durawa. „Eine deutsche Frau unter betrunkenen Russen!“ Aber Mutter lässt sich nicht abhalten und läuft los. Ich renne hinterher. In der Scheune liegen 15-20 Ostarbeiter auf Stroh, darunter auch Lady. Halbgeleerte Flaschen Schnaps und Bier stehen überall herum. Als Mutti in der Tür erscheint, erheben sich alle Ostarbeiter wie auf Kommando, gewissermaßen als eine letzte Ehrenbezeugung einer deutschen Frau gegenüber. Mutti fragt Lady: „Wollen wir nicht nach Hause?“ „Ja, ja, Chefina, nach Hause. Ich komme sofort“, ist die sofortige Reaktion. Gegen Mittag, noch vor 11 Uhr, ziehen wir los. Wieder nach Hause! Dieses Bewusstsein überdeckt alle Schrecken. Das Dorf ist voll von durchziehenden russischen Kolonnen. Plötzlich tauchen wieder Tiefflieger auf. Alle verkriechen sich unter die Treckwagen. Ich bleibe stehen und rufe. „Das sind doch deutsche.“ Deutlich erkenne ich die Balkenkreuze und sogar die Köpfe der Piloten. Kein Schuss fällt, auch nicht von russischer Seite. Vor dem Dorf brennen immer noch die drei russischen Panzer, die unsere letzten Soldaten gestern abgeschossen hatten. Kleine blaue, züngelnde Flammen bedecken die Panzerplatten. Ich staune, dass Eisen brennt und glaube es lange. Wir fahren mit unserem kleinen Treck in vorher genau festgelegter Formation: Zuerst das Fuhrwerk von Durawa, der fließend kaschubisch spricht, das die Russen als polnisch ansehen und sogar noch besser verstehen, dann der kleine Wagen von Pelz mit den Alten und kleinen Kindern und schließlich unser Wagen, der von Lady gelenkt wird. Die Frauen und Mädchen sind im Wageninneren unter den Betten versteckt. So gelingt es, aufdringliche Russen abzuweisen und durchzukommen. Im brennenden Lauenburg Auf halbem Wege nach Lauenburg stoppt unser kleiner Treck. Eine ältere Frau kommt uns entgegen. Sie läuft im Schnee auf Strümpfen und sieht überhaupt entsetzlich aus, mit zerzaustem Haar und zerrissenen Kleidern. „Leute, fahrt nicht nach Lauenburg rein“, beschwört sie uns. „Die Russen haben meinen Mann erschossen und die Frauen vergewaltigt. Ich bin weggelaufen. Dort ist die Hölle, alles brennt. Ihr werdet alle umgebracht!“ Wir fahren trotzdem weiter und wissen, es geht jetzt in den Tod. Weitere einzelne Flüchtlinge kommen zu Fuß mit ähnlichen Schreckensmeldungen. Immer wieder fällt ein Wort, das ich nicht verstehe: Vergewaltigung. Dann kommen wir über die Anhöhe, von der Lauenburg im Tal zu sehen ist. Vor uns ein schauriges Bild! Über Lauenburg breitet sich ein einziges Flammenmeer aus. Es ist der 11. März 1945, der Schicksalstag dieser Stadt. Rechts über Lauenburg qualmen tiefe schwarze Rauchwolken, die von Ölbränden herrrühren, in der Mitte lodern helle offene Flammen zum Himmel. Nur ganz links ist der Himmel noch frei. Jemand sagt: „Die Tanklager brennen.“ Wir haben keine andere Wahl, wir müssen mitten durch die lichterloh brennende Stadt. Überall liegen Leichen und Kadaver von Pferden und verbreiten einen abscheulichen Gestank. In der Innenstadt werden wir angehalten und rückwärts in den Hof eines größeren Verwaltungsgebäudes abgedrängt. Die Ostarbeiter werden zur Vernehmung geholt. Ihre Aussagen entscheiden über unser Leben oder unseren Tod. So warten wir auf das Todesurteil. Ich sitze hinten im Wagen und schaue durch einen Spalt durch die Plane. Fünf Tote sehe ich im Hof liegen, dicht beieinander, aber mein Blickfeld ist nicht allzu groß. Es sind die ersten Toten, die ich so nahe sehe, Männer in Zivil im mittleren Alter. Die Stiefel hat man ihnen ausgezogen. Es sieht aus, als ob sie nur schlafen. Auf der Hauptstraße ziehen ununterbrochen Kolonnen von nagelneuen Lastkraftwagen, vollbesetzt mit wohlgenährten Rotarmisten, und unendliche Reihen von schweren Geschützen vorbei. Unter den Russen auf den LKW ist oftmals eine Frau zu sehen oder ein Mädchen, nicht älter als 14 oder 15 Jahre. Ein total betrunkener Russe kommt an unseren Wagen. Er fuchtelt mit einem großen Revolver herum und setzt ihn meinem kleinen dreijährigen Bruder an die Schläfe, den meine Mutter vor sich auf dem Schoß hält. Alles erstarrt vor Entsetzen. Nur mein Bruder schaut den Russen freundlich an, mit interessiertem und erstauntem Blick. Ich sehe, dass der Revolver eine alte deutsche Waffe aus dem letzten Krieg ist, die gleiche, mit der Reinhold Basowski, unser Nachbarjunge, und ich so oft heimlich geschossen haben. Der Revolver ist durchgeladen und entsichert. Die Hand des Betrunkenen zittert stark. Ich rücke aus dem Wageninneren nach vorn neben den Russen, fest entschlossen, den Revolver zu ergreifen, wenn er meinen Bruder tötet und ihn auf den Mörder zu richten. Wie oft haben Reinhold und ich geübt, uns gegenseitig die Waffe aus der Hand zu schlagen. Ich kenne jeden Kniff. Und der Russe ist betrunken. Wozu war ich schließlich Jungvolk-Junge und habe gelernt, auf den Feind zu schießen? Da kracht ein Schuss im Nebenhaus. Im oberen Stockwerk wird ein Fenster aufgerissen, und eine Stimme überschlägt sich und brüllt einen russischen Vornamen, Stepan oder so ähnlich. Der Russe zuckt zusammen, reißt den Revolver hoch und stürzt davon. Niemand von uns kann später sagen, wie lange wir in Lauenburg vor dem Revolver des schwerbetrunkenen Russen waren, wie lange das Entsetzen in dem Hof gedauert hat. Waren es zwanzig Minuten, eine Stunde, drei Stunden? So nahe an der Schwelle der Ewigkeit verlöscht jedes Zeitgefühl. Im Vorort von Lauenburg in Richtung Bütow werden die Ostarbeiter erneut vernommen. Die Männer werden aussortiert, erhalten ein altes Gewehr in die Hand gedrückt und werden sofort in die Rote Armee eingegliedert, ganz gleich, ob sie militärisch ausgebildet sind oder nicht. Wie uns Warka später als Augenzeugin berichtet, erklärt Lady den Russen, dass er auch gehen wolle, aber zuerst müsse er die deutschen Kinder nach Hause fahren. Lady kommt gerannt, greift sein Bündel Sachen, das immer griffbereit auf dem Kutscherplatz liegt, und ruft: „Ich muss weg. Sie sind hinter mir her...“ Minuten später stürzen zwei Russen mit Maschinenpistolen im Anschlag zu unserem Wagen und fragen, wo er ist. Oma zeigt in eine Richtung. Ein Feuerstoß aus der Maschinenpistole der Russen, der kurz danach jäh abbricht. Lady ist tot! Der Weg zurück Auf der Strecke nach Bütow ist die enge Straße total vereist. Unsere Pferde rutschen aus, der Wagen kommt ins Schleudern und bleibt quer über der Fahrbahn stehen. Wir versuchen, den Wagen an den hinteren Rädern auf dem Eis herumzusetzen, aber ganz vergeblich. Er ist zu schwer. Von vorn kommt eine russische Panzerkolonne mit geschlossenen Luken in schneller Fahrt. Sie ist also auf dem Weg zur Front und erwartet Feindberührung, denn sonst müssten die Luken wegen der notwendigen Sauerstoffzufuhr offen sein. Wir denken, jetzt walzen sie uns nieder. Wie oft haben wir das schon gehört. Die Kolonne stoppt jedoch und wartet. Wir bemühen uns weiter, den Treckwagen zu bewegen, aber erfolglos. Nach einer Weile geht im dritten Panzer, dem Panzer des Kommandeurs, die Luke hoch, ebenso im ersten. Der Soldat aus dem dritten Panzer brüllt die Leute im ersten an, was los wäre. Sie zeigen auf uns Kinder. Zwei junge Russen springen aus dem Kommandeur-Panzer, laufen zu unserem Wagen, jeder fasst ein Hinterrad, und so setzen sie unseren schweren Treckwagen zur Seite. Ehe wir uns von unserem Schrecken und Erstaunen erholen, sind die Burschen schon wieder im Panzer, die Luken gehen zu, und ab geht die Fahrt, ihre und unsere. - Das hat es auch gegeben! Die Russen hätten uns einfach rammen können, dann wären sie auch durchgekommen. Für mich sind das die eigentlichen Helden. Leider sieht man immer nur die schwarze Seite. Kurz nach Lauenburg spannen die Russen uns die Pferde aus. Sie haben es vorher schon mehrmals versucht, aber unser Brauner bäumt sich sofort auf, wiehert furchterregend und schlägt wild aus, sobald sich ihm ein Fremder nähert. Wir haben immer großen Ärger mit dem Pferd gehabt, doch jetzt ist sein Verhalten unser Glück. Die Russen fluchen und ziehen ab. Dann aber zieht ein Russe seinen blanken Säbel und schlägt brutal auf das Pferd ein, bis es blutüberströmt zusammenbricht. Damit scheint für uns alles aus zu sein. Wir staunen aber, als die Russen uns zwei Ersatzpferde bringen, kleine, ganz verhungerte Pferdchen. Jemand sagt, dass das litauische Pferde sind. Wir denken, wir kommen mit diesen verhungerten und total erschöpften Tieren keine zehn Meter weit, aber sie ziehen willig und tapfer den für sie viel zu großen Wagen. Wir füttern sie ständig mit allem, was wir noch haben und versuchen, sie zu schonen, wo es geht. So kommen sie wieder zu Kräften. Die Strecke zurück wird ausschließlich von Josef Durawa und unserer Oma bestimmt, die jeden Weg kennen. Unser Prinzip ist, Hauptstrecken so weit wie möglich zu meiden und möglichst Nebenstraßen zu befahren. Die nächste Nacht verbringen wir zum ersten Mal ungeschützt auf der Dorfstraße in Zewitz. Auf unserem Wagen befinden sich plötzlich ganz fremde Menschen, darunter eine alte geistesverwirrte Frau, die zu Fuß nach Bütow unterwegs ist. Jeder will in der kalten Märznacht irgendwo ein warmes Plätzchen ergatten. Was sonst noch passiert, ist nicht zu beschreiben. Schon in Bresin kommt das Gerede auf, die Russen würden auf jeden Treckwagen schießen, der keine weiße Fahne zeigt. Handtücher und Bettlaken müssen her und werden eiligst zerschnitten. Unsere Oma hält das für unsinnig und unternimmt nichts. Weiße Fahnen sind schließlich etwas für das Militär, wir sind aber Zivilisten, haben nicht gekämpft und brauchen uns auch nicht ergeben. Wir sind tatsächlich der einzige Wagen im Treck, der auffälligerweise keine weiße Fahne zeigt. Niemand kümmert das. Unterwegs fragt dann aber doch ein Russe ganz naiv, warum wir keine Fahne hätten. Oma winkt ab... Nje nado... Er lässt sich aber nicht abweisen. Ein junger Leutnant, der erstaunlich gut Deutsch spricht, mischt sich ein. Es kommt zum ersten Mal zu einem Gespräch mit einem russischen Offizier über den Krieg. Uns interessiert vor allem eine Frage: Wann ist dieser Krieg zu Ende? Der Leutnant sagt: „Wir hoffen, dass wir Deutschland vor Eintritt des nächsten Winters besiegt haben.“ Wir sind entsetzt. Oma ruft: „Aber wir sind jetzt doch schon besiegt und haben verloren.“ Der Russe schüttelt den Kopf. „Wir treffen überall auf erbitterten Widerstand, aber vor allem, was wir niemals erwartet haben, auf riesige Vorräte an Lebensmitteln. Damit kann Deutschland noch eine Weile Krieg führen. Bei uns in Russland herrscht schon lange Hungersnot.“ Zum Schluss betont der Russe: „Nach diesem Krieg wird es keinen weiteren Krieg mehr geben!“ Unsere Oma ist erstaunt, hat sie doch immer wieder die Ansicht vertreten: Kriege waren, sind und bleiben! „Warum glauben Sie das, Herr Offizier?“, will sie wissen. Der Russe zeigt auf mich. Ich stehe ein paar Meter abseits und bin dabei, mir eine verstümmelte Leiche am Straßenrand genauer anzusehen. „Weil diesmal selbst Kinder den Krieg gesehen und miterlebt haben. Das hat es bisher noch nie gegeben. Wer diesen Krieg als Kind erlebt hat, wird nie wieder in einen Krieg ziehen!“ - „Da können Sie Recht haben, Herr Offizier“, meint meine Oma nachdenklich. Vor Großrakitt treffen wir mit zwei Treckwagen zusammen, die von jeweils einem Mann allein gelenkt werden. Sie kommen von Danzig. Ihre Familien sind mit Schiffen abtransportiert worden, aber nur die Frauen und Kinder, und sie mussten zurückbleiben. Jetzt versuchen sie, die Gespanne wieder nach Hause nach Westpreußen zurückzubringen. Alle haben jetzt nur ein Ziel: Nach Hause! Nach Hause! Wir wundern uns, dass diese Männer mit den vollbeladenen Wagen durchkommen. Wir bitten sie, die nächste Nacht gemeinsam mit uns zu verbringen. Die Männer bestehen aber darauf, dass wir tief in den Wald hineinfahren, weit weg von der Hauptstraße. Wir fahren kilometerweit über Waldwege, bis wir auf eine Lichtung inmitten hoher düsterer Tannen treffen. Dort werden unsere fünf Wagen im Karree aufgestellt und bilden eine Wagenburg. Aus Feldsteinen errichten die Männer fachmännisch einen Herd und machen Feuer. Jeder gibt einige besondere Lebensmittel zum Abendbrot. Alle haben noch reichlich Vorräte und so wird es ein wirklich großartiges Abendmahl innerhalb unserer kleinen Schicksalsgemeinschaft, wie wir es auf der ganzen Flucht noch nicht hatten. Fast vergessen wir, dass wir im Krieg und unter russischer Besatzung sind. Die Nacht verläuft ganz ruhig. Niemand traut sich hierher in den tiefen dunklen Wald hinein. Am nächsten Morgen haben es die Westpreußer sehr eilig. Sie ziehen ganz früh weiter. Wir bleiben noch bis gegen Mittag im Wald. Es ist Nebel aufgezogen, und wir haben sehr schlechte Sicht. In der Ferne ist Lärm zu hören, Pferde wiehern, Rufe ertönen und Peitschen knallen. Eine Viehherde scheint abgetrieben zu werden. Oma sagt: „Nun treiben sie doch unser Vieh weg.“ Als wir näher herankommen, sehen wir, dass es deutsche Zivilisten sind, die von berittenen Russen durch den Wald getrieben werden. Die Russen schlagen mit Peitschen auf die Männer ein, die ihr Bündel über den Kopf halten. Oma ruft, ob Leute aus Bütow oder Großtuchen dabei sind. Aber sie erhält keine Antwort. Dann erreichen wir endlich den Jassener See und das Dorf Jassen und damit sind wir in unserem Heimatkreis Bütow angekommen und fühlen uns schon fast wie zu Hause. Wir fahren durch das unzerstörte Dorf, in dem aber kein einziges lebendiges Wesen zu sehen ist. Vor Kleinpomeiske stecken wir wiedermal mit unserem großen Wagen tief im Schlamm und kommen nicht vorwärts und auch nicht zurück. Alle müssen zupacken, aber der Wagen ist nicht von der Stelle zu bewegen. Von Bütow her kommt uns eine Gruppe Männer entgegen, die an der Kleidung ein blau-weiß-rotes Emblem haben. Der Anführer schwenkt eine ebensolche Fahne. „Es ist die Tricolore, das sind Franzosen“, erklärt uns Oma, die einfach alles weiß. Wir sind erleichtert, dass es ehemalige französische Kriegsgefangene sind, die die Russen befreit haben, denn Franzosen sehen wir schon lange nicht mehr als Feinde an. Oma wagt es daher auch, den Anführer, einen riesigen Mann, zu bitten, uns zu helfen. In tadellosem Deutsch brüllt er zu uns herüber: „Das könnte euch so passen. Verrecken sollt ihr Deutschen alle!“ Die anderen Franzosen machen aber einen freundlichen Eindruck, trotzdem helfen sie den deutschen Frauen und Kindern nicht. Wahrscheinlich sind sie eingeschüchtert und haben Angst vor ihrem fanatischen Wortführer. In Pomeiske treten zum ersten Mal Polen auf. Sie tragen eine Uniform mit einer eigenartigen viereckigen Mütze, der Konfederatka, die ich noch nie gesehen habe. Es ist eine Kontrolle der polnischen Miliz. Durawas dürfen weiter fahren, weil sie sich als Kaschuben ausgeben, was alle immer leicht überzeugt, denn sie sprechen die kaschubische Sprache fließend. Wir werden auf einen abgesperrten kleinen Platz geleitet. Die Polen durchsuchen unsere Wagen lange und gründlich, rühren aber nichts an, obwohl wir noch Wertsachen und auf jeden Fall reichlich Lebensmittel bei uns haben. Sogar ein Sack mit Zucker, ein ganzer Zentner, befindet sich auf unserem Wagen. Unsere Oma bietet den Polen von unseren Schinken, Dauerwürsten und Zucker an. Sie sollen sich nehmen, was sie brauchen. Wir hätten noch genug. Es reicht für alle. Aber die polnischen Offiziere schütteln nur den Kopf. Nein, sie wollen uns nichts wegnehmen. Und mit einer Handbewegung auf uns Kinder sagen sie: „Sie werden das alles noch dringend selbst brauchen!“ Auf dem eingezäunten Platz müssen wir die Nacht verbringen. Das schützt uns aber vor den Russen. Wahrscheinlich haben die Polen uns deswegen auch in der Nacht festgehalten. Zum dritten Mal verbringen wir eine ganz ruhige Nacht. Früh morgens geht Oma zum Wachhäuschen und fragt, ob wir weiter fahren können. Wortlos geben die Polen den Weg frei. Wir sind jetzt bloß noch mit der Familie Pelz zusammen. Die beiden Wagen werden von den Ukrainer-Mädchen gelenkt. Unsere Oma gibt die Fahrtroute an und ist streng darauf bedacht, die Stadt Bütow zu umgehen. Nach unserer Erfahrung vom 11. März im brennenden Lauenburg wollen wir auf keinen Fall durch Bütow fahren. Wir glauben, dort wäre es ebenso schlimm. Das erweist sich aber als ein folgenschwerer Irrtum. Bütow ist an diesem Tag völlig russenfrei. Kaum jemand ist in der Stadt. Wir wären ganze zwei Tage früher zu Hause gewesen, wären wir auf der Hauptstraße geblieben. Oma führt uns über abgelegene Feldwege. Sie kennt hier jeden Waldweg, da sie aus Gustkow stammt. Manchmal geht es auch einfach nur über Felder, da Wege nicht mehr zu erkennen sind. Wir fahren von Großpomeiske über den Feldweg nach Gustkow, am Wald Richtung Dampen entlang, dann wieder über einen Feldweg nach Gramenz und durch den Borntuchener Forst kommen wir nach Damerkow. Eines hat sie aber nicht berücksichtigt, und das wird uns fast zum Verhängnis: Nach dem vielen Schnee setzt gerade Tauwetter ein, die Wege sind total verschlammt und durch Panzerraupen und schwere Militärfahrzeuge aufgewühlt, denn genau diese Gegend war erst vor 8 Tagen der Bereitstellungsraum der Russen für den Angriff auf Bütow gewesen. Unsere schwachen Pferde schaffen es nicht, unseren schweren Wagen durch die Schlammpfützen zu ziehen. Manchmal brauchen wir stundenlang, um von der Stelle zu kommen. Auf den einzelnen Gehöften und in Gramenz treffen wir keine Menschseele an, nur ab und zu ist eine total verstümmelte Leiche zu sehen. In Damerkow am Bahnwärterhäuschen taucht plötzlich ein Russe mit einem langen Gewehr auf. Er durchsucht Pelzens kleinen Wagen sehr sorgfältig, eine ganze Stunde lang, nimmt aber nichts weg. In unseren großen Treckwagen schaut er überhaupt nicht hinein. Über verschlammte Feldwege geht es weiter. Kurz vor Tangen treffen wir in einem Hohlweg auf ein seltsames Gespann, das von zwei lahmen Ochsen gezogen wird. Es gehört Fleischer Möller aus Großtuchen. Mein Klassenkamerad Sigi ist auch dabei. Alle sind aber sehr niedergeschlagen. Kaum ein Wort ist von ihnen herauszubekommen. Nur mühselig erhalten wir Antwort auf unsere Fragen. Sie sagen uns nicht einmal, dass sich auch unser Postmeister Kolberg mit seiner Frau und den beiden Mädchen, Brigitte und Margot, auf dem Wagen befinden. Da unsere kleinen erschöpften litauischen Pferde mit den starken Ochsen nicht mithalten können, verlieren wir uns aber bald wieder. Vor Abend kommen wir in Tangen an. Mitten im Dorf treffen wir eine alte Frau mit 6 oder 8 Kindern an. Russen sind nicht im Dorf. Wir beschließen daher, die Nacht hier zu verbringen. Auf unsere Frage, wo die Mütter der Kinder sind, erhalten wir ausweichende, nichtssagende Antworten. Wir erfahren, dass am Vormittag die Männer abgeholt wurden. Sie durften nochmals kurz nach Hause gehen, um sich von ihren Familien zu verabschieden. Sie sollen nach Sibirien kommen, hat man ihnen gesagt. Also stimmt es doch, was man immer von den Russen erzählt hat! Uns droht Sibirien. In der großen Küche stehen riesige Töpfe mit Fleisch. Unsere Oma achtet darauf, dass das Fleisch gebraten wird, ehe wir es essen und dass wir kein Wasser trinken. Ich tue es trotzdem heimlich. Der Durst ist zu groß. Wir haben ein großartiges Abendessen, wie bei einem Schlachtfest. Ein paar Wochen später erfahren wir durch Zufall, dass die alte Frau mit allen Kindern durch Typhus umgekommen ist, kurz nachdem wir dort waren. Das Fleisch und Wasser war mit Typhusbazillen verseucht. Tage- und nächtelang quäle ich mich mit schwerem Durchfall herum, überstehe aber die Infektion. Am nächsten Tag gegen Mittag ziehen wir weiter. Wir fahren aber nicht über Kleintuchen, da wir glauben, die Eisenbahnbrücke vor Großtuchen ist gesprengt, und wir kommen mit unseren Wagen nicht ins Dorf hinein. Am Langen See stecken wir wieder fest. Nach Stunden erreichen wir endlich die Hauptstraße Bütow-Rummelsburg. Auf der trockenen Asphaltstraße rollt unser Wagen mit Leichtigkeit dahin. Endlich haben wir es geschafft. Großtuchen liegt vor uns. Wir holen einen Zivilisten ein, der mitten auf der Straße einen hochbeladenen Handwagen zieht. Oma lässt anhalten und fragt, ob er mitfahren möchte. Wir können ihn bis Großtuchen mitnehmen, und er kann seinen Handwagen an unseren Wagen ankoppeln. Es ist ein Pole aus der Gegend von Borzyskowo, mehr ist aber nicht herauszubekommen. Der Pole lallt etwas Unverständliches und schwenkt eine halbleere Flasche Korn. Wir nehmen das als Einverständnis, befestigen seinen Handwagen an unseren Treckwagen, und weiter geht die Fahrt. Kaum hat sich unser Gast auf dem Kutschersitz bequem gemacht, schubst er Warka fort, ergreift Leine und Peitsche und erklärt, Wagen und Pferde gehören jetzt ihm, und wir sollten verschwinden. Und er schlägt wie verrückt auf die schwachen Pferde ein, die ohnehin ihr Letztes hergeben. „So haben wir nicht gewettet, Freundchen“, meint unsere Oma und winkt mir heimlich zu, ich solle den Handwagen abkoppeln. Ich habe aber Angst, der Pole könnte eine Waffe haben und schießen. Da löst meine Oma selbst das Seil, mit dem das Handwägelchen an unseren großen Wagen festgebunden ist, wartet noch eine Weile und tippt dem Polen dann auf die Schulter, er solle sich mal umsehen. In der Ferne ist sein abgekoppeltes Wägelchen mitten auf der Straße zu sehen! Wie ein Blitz schnellt der Pole hoch, lässt Peitsche und Leine fallen, springt vom Wagen und rennt zurück. Sein Handwagen muss ihm doch wertvoller sein, als unser ganzer Treckwagen. Sofort nimmt Oma die Peitsche in die Hand und treibt unsere Pferde an. Wir haben Glück, die Straße geht jetzt bergab und die Pferde traben los. Von weitem sehe ich unseren Polen mit erhobenen Fäusten herumfuchteln. Er hat unsere List erkannt, aber zu spät. Wieder einmal hat unsere Oma einen ernsten Zwischenfall mutig und resolut bewältigt. Als erste Rückkehrer in Großtuchen Dann fahren wir in Großtuchen ein. Es ist ein überwältigender Augenblick, nach Hause zu kommen. Alle Strapazen der Flucht sind fast vergessen. Wir staunen, dass alle Gebäude und Häuser noch stehen. Wir hatten ein völlig zerstörtes Dorf erwartet. Nur in der Nähe des Knitterschen Grundstücks liegt an der Straße das große Wrack eines russischen Kampfflugzeuges als stummer Zeuge erbitterter Kämpfe. Ich möchte es mir gern näher ansehen, aber meine Oma verbietet es mir streng. Nach unseren verhängnisvollen Erfahrungen mit den aufgeweichten Schlammwegen vor Bütow entschließen wir uns, doch lieber durchs Dorf zu fahren und auf der festen Asphaltstraße zu bleiben, als den kürzeren Feldweg zu nehmen, der am Wohrländer See entlang und am Grundstück von Kautz vorbei zur Obermühle führt. Außerdem befürchten wir, wir könnten auf Blindgänger oder Minen treffen, da die Zufahrtswege zum Dorf sicher vermint wurden. Vor der Kamenzbrücke an der Apotheke lässt unsere Oma uns vom Wagen steigen und einzeln in großem Abstand im Gänsemarsch über die Brücke gehen. Wieder denkt sie an alles. „Ist etwas vermint, dann ist es die Brücke. Wenn wir die ersten sind, die mit dem großen Wagen ins Dorf kommen, trifft es uns“, meint unsere Oma. Nichts Verdächtiges ist jedoch zu bemerken. Wir kommen sicher hinüber und sind die ersten, die so über die Brücke mit vollbeladenem Treckwagen in Großtuchen einfahren. Alle anderen Großtuchner kommen mit weniger Sachen, die meisten Monate später bettelarm und zu Fuß zurück. Drei Tage später wird an dieser Stelle ein russisches Fuhrwerk auf eine schwere deutsche Panzermine fahren und in die Luft fliegen. Die Pferde und ein Russe kommen dabei um. Die ersten Deutschen im Dorf, die schon zurück sind, werden zusammengeholt und sollen in der Nacht dafür als Rache erschossen werden, darunter auch die Familie Kolberg. Herr Kolberg sagt nur noch: „Wenn sie uns erschießen, dann die Kinder zuerst!“ Der Pole Jan Kraszewski, den wir aus unerklärlichen Gründen einfach Conny nennen und der schon seit 1939 im Dorf beim Gastwirt Deubel arbeitet, und jetzt in der russischen Kommandantur angestellt ist, wendet alles auf, um den Russen zu beweisen, dass „seine Deutschen“ das nicht gewesen sein können. So kommen sie wieder frei. Warum die deutsche Panzermine auf den federleichten „Panjewagen“ ansprach, nicht aber auf unsere beiden schwerbeladenen Treckwagen, bleibt ewig ein Rätsel der Sprengtechnik. Nicht aber für unsere Oma. „Gott hat uns behütet“, sagt sie. Aufmerksam betrachten wir jedes Haus im Dorf, an dem wir vorbeifahren, links die Molkerei, Möllers Fleischerei, rechts das Pfarrhaus von Pecker. Alle Gebäude haben zahlreiche Einschüsse, vor den Türen liegen Haufen von Schutt, Gerümpel und zerschlagene Möbel. Hier muss es zu heftigen Gefechten gekommen sein. An der Kreuzung bei Schivelbein halten wir kurz. Oma schickt mich zur Schule vor, um zu erkunden, ob irgendwo schon Menschen da sind. Vor der Schule sehe ich im Halbdunkeln von weitem zehn oder zwölf Leichen in Wehrmachtsuniformen. Obwohl sie stark verstümmelt sind, kann man die Verbände noch erkennen, und Blutlachen gibt es nicht. Es sind hier also Verwundete nicht erschossen, sondern erschlagen worden. Da renne ich mit Entsetzen zurück. Von meiner grausigen Entdeckung berichte ich nichts. Sie werden es schon selbst sehen. Vor dem Haus von Dr. Harthun liegt ein riesiger Haufen Hausrat. Ich suche nach Büchern, finde aber nur einen Taschenkalender von 1938, in Leder gebunden, mit dickem Anhang, den ich mir mitnehme. Es kommt zu einem großem Streit mit meiner Oma. Sie behauptet, das wäre Diebstahl. Die Sachen gehören mir nicht, ich könnte mir nicht einfach anderer Leute Besitz aneignen. Ich vertrete verbissen die Auffassung, dass es besser sei, ich nehme sie mir, als die Russen, oder sie verkommen auf der Straße. Außerdem betrachte ich die Sachen als eine Art herrenloses Strandgut. Wir können unseren Streit nie klären. Das kleine dicke Taschenbüchlein mit Kalender und Tagebuch wird mir jedenfalls jahrelang täglicher Begleiter sein und ist das einzige gedruckte deutsche Wort in der Zeit meiner späteren Zwangsarbeit und noch lange danach in verschiedenen Lagern, als ich fast drei Jahre lang keinerlei Schulunterricht habe. Auf dem Haus von Bäcker Borchardt raucht der Schornstein. Endlich ein Zeichen von Menschen. Wir halten an. Dann fürchten wir aber, es könnten Russen sein. Nach langer Beratung wird Warka beauftragt, die Lage zu erkunden. Sie kommt ewig nicht wieder. Ich nutze die Zeit und schaue mir die Umgebung an. Das Kriegerdenkmal, auf dem der Name meines Großvaters, der auch mein Name ist, zu lesen ist, steht noch, nur der preußische Adler ist abgeschossen und liegt 5 m weiter entfernt. Dann taucht Warka endlich auf. Unter jedem Arm hält sie ein frisches noch dampfendes Brot. Borchardt ist gerade von der Flucht zurück und backt für die Russen und verteilt Brot. Wir erfahren, dass wir zu den Ersten gehören, die zurückgekommen sind, dass die Russen im Postgebäude ihre Kommandantur eingerichtet haben und zu unserem großen Erstauen auch die Polen im Haus neben dem Bäcker Dombrowa eine Kommandantur haben. Viel mehr weiß er auch noch nicht. Berliner geben sich als Polen aus Gleich hinter der evangelischen Kirche im Haus des Fleischbeschauers Lahr bemerken wir wieder einen rauchenden Schornstein. Diesmal haben wir keine Angst. Oma geht selbst hinein und nimmt mich mit. In der kleinen Küche hantiert eine junge Frau. „Gostomskis Stefanie“, ruft meine Oma erstaunt. „Was macht ihr Berliner denn noch hier?“ Die Familie Sabisch gehört zu den zahlreichen Bombenflüchtlingen, die wir im vorigen Jahr in Großtuchen hatten. Die Begrüßung ist aber kühl. Die Frau erklärt uns, dass sie jetzt Polen seien und mit Deutschen möglichst nichts zu tun haben möchten. Sie haben sich hier ein Grundstück genommen und werden Landwirtschaft betreiben. Uns bleibt die Sprache weg. „Aber ihr könnt euch doch nicht einfach den Besitz anderer Leute aneignen“, ruft Oma. Wenn die Besitzer wiederkommen, so |